DIE GESCHICHTE DER FREIWILLIGEN FEUERWEHR ARHEILGEN

BERICHTE AUS DER ARHEILGER POST, 2001

Das alte Gerätehaus an der Bachstraße. Foto: Kumpf/Weber
Das alte Gerätehaus an der Bachstraße.
Foto: Kumpf/Weber

69 aktive Mitglieder zählt die Freiwilligen Feuerwehr Darmstadt-Arheilgen im Jahr ihres 120-jährigen Bestehens. Das entspricht exakt jener Zahl von Arheilger Bürgern, die im März 1881 einem Aufruf folgten, den neben anderen der damalige Gemeindepfarrer Römheld unterzeichnet hatte. Sie sind die Gründungsmitglieder der Arheilger Feuerwehr, die in diesem Jahr mit Übungen und einem Tag der offenen Tür ihr Jubiläum feiert.

Der organisierte Feuerschutz in dem damals noch selbstständigen Dorf beginnt jedoch nicht erst mit dem Jahr 1881. Von der Existenz einer Löschmannschaft in Arheilgen wissen wir bereits aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, denn 1822 beschaffte die Gemeinde Feuerleitern und Feuerhaken. Nach einem größeren Brand wurden 1876 erste Stimmen laut, die die Gründung einer Feuerwehr forderten. Die Gemeindeverwaltung lehnte dies jedoch ab. Aus diesem Grund übernahm der in diesem Jahr gegründete Turnverein - Vorläufer der SGA, die dieses Jahr deshalb auch ein Jubiläum begeht - zeitweise den Brandschutz.

Die 1881 dann doch gegründete Feuerwehr konnte zunächst nur auf die sehr unzureichende Ausrüstung der bisherigen Löschgruppe zurückgreifen - erst 1884 wurden ein Wagen für die Leitern sowie 14 Laternen für die Ordnungsmannschaften gekauft. Das erste Spritzenhaus war zu jener Zeit ein Schuppen am Rathaus, in dem auch der gemeindeeigene Leichenwagen untergestellt war. Dort, am sogenannten "Schutz", war der Ruthsenbach zurück gestaut, um als Pferdetränke und Löschwasserbecken zu dienen. Ihre erste Bewährungsprobe musste die Mannschaft um den Gründungskommandanten Georg Benz IX. am 11. September 1882 bestehen: Die Scheune des Landwirts J. Völger brannte. Brände waren angesichts der in jedem Haus vorhandenen offenen Feuerstellen nichts Seltenes im noch gänzlich ländlichen Arheilgen.

Mit dem Kauf einer mechanischen Saug- und Druckspritze 1890 und einer Ausziehleiter 1892 verbesserte sich die Schlagkraft der Feuerwehr erheblich. Doch es dauerte bis ins Jahr 1904, bevor sich der lang gehegte Wunsch der Feuerwehr nach einer eigenen Unterkunft erfüllte: Die Gemeinde hatte in langwierigen Verhandlungen in der Bachstraße eine Hofreite gekauft und dort ein Gerätehaus erbaut. Sein holzverkleideter Schlauchturm bildet fortan neben dem Glockenturm der Kirche einen zweiten markanten Punkt im Ort. Das Oberteil steht bis heute noch auf dem Hof des Spielplatzes der Auferstehungsgemeinde, der in den siebziger Jahren an dieser Stelle gebaut wurde.

Als sich Arheilgen 1912 der Darmstädter Wasserleitung anschloss, mussten für die Feuerwehr Hydrantenwagen angeschafft werden, die die Geräte zur Bedienung der Hydranten enthielten. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwei Jahre später wurden 57 Feuerwehrleute zum Militär eingezogen, nur dank einer Hilfsmannschaft blieb die Feuerwehr einsatzfähig.

Die Jahrzehnte der politisch so turbulenten Weimarer Republik bedeuteten für die Arheilger Feuerwehr eine Zeit der Ruhe und des Wiederaufbaus. Streit gab es allerdings um die 1885 gegründete Feuerwehrkapelle, die mehrfach aufgelöst und wieder gegründet wurde. Wie beschränkt die finanziellen Möglichkeiten der Feuerwehr in diesen Jahren waren, belegt ein Blick in die jährlichen Haushaltsansätze der Gemeinde. Zwischen 1927 und 1931 wurden jeweils 1200 bis 1300 Reichsmark für die Unterhaltung der Löschgeräte sowie ein- bis zweihundert Reichsmark für das Spritzenhaus veranschlagt. 1931 wurden einmalig 3000 Reichsmark zur Errichtung einer Feuer-Alarmanlage eingeplant, 1932 erstmals 120 Reichsmark als jährliche Vergütung des Brandmeisters angesetzt.

Hochwasser im Jahre 1932. Foto: Kumpf/Weber
Hochwasser im Jahre 1932.
Foto: Kumpf/Weber

An drei Tagen im Juni 1931 feiert auch die Feuerwehr ihr 50-jähriges Bestehen. Sie zählte damals 68 aktive Mitglieder und war gegliedert in das Kommando, zu dem ein Stoßtrupp gehörte, zwei Züge sowie Signalisten. Jeder Zug bestand aus einem Steigerzug, dem Hydrantenwagen, dem Gerätewagen und der Ordnungsmannschaft. Der Feuerwehrkapelle gehörten damals 17 Mitglieder an.

Den alten Arheilgern ist das Jahr 1932 noch wegen seiner Unwetterkatastrophe im Juli in Erinnerung. Unaufhörliche Regenfälle hatten den Ruthsenbach mit großer Heftigkeit über die Ufer treten lassen, in der Bachstraße sind bis heute noch die Hochwassermarkierungen erkennbar. Die Feuerwehr wurde am 14. Juli um 9 Uhr alarmiert, weil das stark ansteigende Wasser die Gebäude der Leibchesmühle bedrohte. Zwei Straßendurchstiche konnten die größte Gefahr zunächst bannen. Weitere Einsätze wurden außerhalb des Ortes an den Dreibrücken und an der Schleifmühle in Kranichstein notwendig. Im Ort selbst war das Wasser inzwischen weiter gestiegen, weite Teile des Dorfkerns hatten sich in einen See verwandelt. Wohnhäuser, die einzustürzen drohten, mussten evakuiert und abgestützt werden, Vieh wurde aus überschwemmten Ställen gerettet. Nach kurzer Entspannung stieg das Wasser in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli weiter, in den folgenden Tagen wurde zur Ableitung der Wassermassen in der Viehtrift am Dreischlägerweg ein Staudamm errichtet. Dem unermüdlichen Einsatz der Feuerwehrleute und zahlreicher freiwilliger Helfer war es zu danken, dass Menschenleben nicht zu beklagen und nur gewaltiger Sachschaden entstanden war.

Im Jahr 1936 begann die Motorisierung der Arheilger Feuerwehr: eine Motorspritze, die von einem Opel gezogen wurde, den die Gemeinde günstig von der großherzoglichen Vermögensverwaltung erworben hatte. Das Fahrzeug fasste acht Mann und verbrauchte auf 100 Kilometer 24 Liter Treibstoff.

Die Machtergreifung der Nazis machte auch vor der Feuerwehr nicht Halt. Offizielle Schreiben wurden nun mit markigem "Wehr Heil Hitler" statt dem üblichen "Hochachtungsvoll" unterzeichnet. Dabei blieb es nicht: Im Jahr 1938 wurden alle Feuerwehren in "Feuerlöschpolizeien" umgewandelt und unterstanden damit dem Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren, Heinrich Himmler. Zusammen mit zwangsweisen Eingemeindung Arheilgens nach Darmstadt 1937, das auf diese Weise zur Großstadt gemacht werden sollte, bedeutet dies das Ende der Selbstständigkeit der Arheilger Feuerwehr.

Am 1. September 1939 notierte Wilhelm Germann, der damalige Schriftführer, im Protokollbuch: "Heute wurde unsere Wehr durch Meldefahrer plötzlich alarmiert. Der Krieg in Polen war zum Ausbruch gekommen und hierdurch der Feuerwehr-Luftschutz automatisch eingesetzt worden. Alle verfügbaren Kameraden waren am Gerätehaus angetreten. Die einzelnen Geräte wurden auf den Ort verteilt und mit einem Führer und sechs bis acht Mann besetzt. Die Wachen wurden eingeteilt und bezogen. Am 2.9. wurden die Wachen aufgehoben und jeder konnte wieder seiner gewohnten Beschäftigung nachgehen."

In den folgenden Wochen traten andere Sicherheitsmaßnahmen in Kraft: Die Sirenen durften zur Alarmierung bei Bränden nicht mehr eingesetzt werden, stattdessen griff man auf die fünf noch vorhanden Schalmeien und Signalhörner zurück. Viele Mitglieder der Feuerwehr wurden zum Militärdienst eingezogen, weshalb 1941 eine HJ-Feuerwehr und 1942 ein Notdienst eingerichtet wurden. Die Löschgeräte waren über den Ort verteilt: In der Kirchschule, in der Bachgasse und in der Carl-Ulrich-Schule.

Seit 1943 war ein geregelter Übungsbetrieb nicht mehr möglich. Wilhelm Germann notiert: "In der folgenden Zeit konnte fast keine ordentliche Übung mehr stattfinden, da unsere Wehr ständig zu Einsätzen an auswärtigen Schadstellen eingesetzt wurde. Fliegeralarm, manchmal öfter an einem Tag, ließen es der Wehrleitung geboten erschienen, unnötige Übungen zwecks Schonung der Mannschaft zu vermeiden, weil ja die Wehr bei jedem Alarm ob Tag oder Nachtalarm an ihrem Standquartier antreten musste." Rund 700 Einsätze im gesamten Rhein-Main-Gebiet waren in diesem Jahr zu bewältigen. Um die immer größer werdenden Lücken in den Reihen der Feuerwehr zu füllen, wurde 1945 noch mit der Ausbildung einer Frauenfeuerwehr begonnen, die jedoch nicht mehr zum Einsatz kam.

Nur noch der alte Schlauchturm, der am Kindergarten in der Bachstraße steht, erinnert an den alten Standort. Foto: Kumpf/Weber
Nur noch der alte Schlauchturm, der am Kindergarten in der Bachstraße steht, erinnert an den alten Standort.
Foto: Kumpf/Weber

Am 23. September 1945 fand - mit Genehmigung der Militärregierung - die erste Übung nach dem Krieg statt. Manche der zum Kriegdienst eingezogenen Wehrleute kehrten heim, viele auch nicht. Die folgenden Jahre waren von Besatzung und langsamen Wiederaufbau gekennzeichnet. Mitglieder, die der Militärregierung politisch unzuverlässig erschienen, mussten zeitweise die Wehr verlassen. 1951 wurde ein Anbau am Gerätehaus in der Bachstraße eingeweiht, und im gleichen Jahr beginn die Feuerwehr ihr 70-jähriges Bestehen mit einem großen Volksfest, zu dem auch ein Umzug gehörte.

In den folgenden Jahren wurde der Fahrzeugpark Stück für Stück erneuert und erweitert. Als Folge war das alte Gerätehaus in der Bachstraße nicht mehr ausreichend - als behelfsmäßige Unterstellmöglichkeit diente deshalb eine Scheune in der Darmstädter Straße. Die Pläne zum Bau eines neuen Gerätehauses reiften nur allmählich, doch 1973 wurde die heutige Unterkunft in der Frankfurter Landstraße eingeweiht. Inzwischen ist auch sie in die Jahre gekommen und erneut ist der Platz knapp.

Mit der technischen Erneuerung der Feuerwehr nämlich ging auch die Erweiterung der Aufgaben einher. Die Bekämpfung von Bränden, ursprünglich der Alltag einer Dorffeuerwehr, ist statistisch längst in den Hintergrund getreten. Einsätze zur technischen Hilfeleistung - beispielsweise bei Sturm- oder Unwetterschäden - machen heute einen nicht geringen Anteil aus. Hinzu kommt der Bereich Gefahrgut- und Strahlenschutz - für die Feuerwehrleute noch vor dreißig Jahren Fremdworte.

Folglich ist auch die Ausbildung komplizierter und umfangreicher geworden. Lehrgänge, einst nur eine Angelegenheit weniger Führungskräfte, gehören zum Basisprogramm. Jeder Feuerwehrmann muss, um überhaupt einsetzbar zu sein, mindestens Grundausbildungs- und Atemschutzgeräteträgerausbildung absolviert haben. Maschinistenlehrgang und Lehrgang zum Tragen von Chemikalienschutzanzügen gehören zum Standartprogramm, ebenso Truppführer- und Sprechfunkausbildung. Strahlenschutz und Gefahrgutlehrgänge, die an der Hessischen Landesfeuerwehrschule in Kassel angeboten werden, sind inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr, und die Notwendigkeit, diese Lehrgänge zu absolvieren, nimmt zu. Feuerwehrführungskräfte haben in der Regel 15 bis 20 dieser zum Teil mehrwöchiger Kurse besucht. Damit verbunden ist zugleich aber auch die Frage, wie viel Belastung dem ehrenamtlichen Feuerwehrangehörigen, der sein Geld ja anderswo verdienen muss, zugemutet werden kann.

Ende der achtziger Jahre brachen die ersten Frauen in die Männerdomäne Arheilger Feuerwehr ein. Heftige Debatten waren vorangegangen, und das Misstrauen schwand nur allmählich. Heute gehören vier Frauen zur Einsatzabteilung, eine von ihnen als Zugführerin. Sie müssen die gleiche Leistung erbringen wie ihre männlichen Kollegen und erfüllen diese Aufgabe problemlos.

1991 brach mit Gründung der Jugendfeuerwehr ein neues Kapitel Feuerwehrgeschichte an. In anderen Orten hatten die Feuerwehren bereits viel früher die Zeichen erkannt, und selbst in Darmstadt war die Arheilger Jugendfeuerwehr erst die dritte Gründung. Die Jugendgruppe für Kinder zwischen zehn und 17 Jahren stieß von Anfang an auf große Resonanz, derzeit umfasst sie 25 Mitglieder. Als Nachwuchsorganisation der Einsatzabteilung ist sie von unschätzbarem Wert - in den vergangenen zehn Jahren sind mehr als 20 Prozent der heutigen Einsatzabteilung aus der Jugendfeuerwehr hervorgegangen. Jeden Mittwoch treffen sich die Jugendlichen und ihre Betreuer zum Spiel oder zur feuerwehrtechnischen Ausbildung. Ausflüge und Fahrten gehören ebenso zum Programm. Höhepunkt der Jugendfeuerwehrzeit ist die Prüfung zur Leistungsspange, bei der eine Jugendmannschaft mehrere feuerwehrtechnische und sportliche Übungen absolvieren muss. Weil die Mannschaft nur als Ganzes bewertet wird und nur gemeinsam zum Ziel gelangen kann, wird zugleich der Teamgeist trainiert.

Im vergangenen Jahr beschritt die Arheilger Feuerwehr in der Jugendarbeit neue Wege. Zusätzlich zur Jugendfeuerwehr entstand die "Wichtelfeuerwehr", ein Angebot, das sich an Kinder zwischen fünf und zehn Jahren richtet. Die Kleinen treffen sich alle zwei Wochen samstags, um zu spielen oder zu basteln. Oft, aber nicht immer, geht es dann um die Feuerwehr. In speziellen, auf dieses Alter zugeschnittenen Übungen lernen die Kinder wichtige Grundbegriffe zum Thema Feuer. Der Andrang auf die Gruppe ist überwältigend - inzwischen gibt es eine Warteliste.

In den 120 Jahren ihres Bestehens hat sich die Arheilger Feuerwehr von einer mit unzureichenden Mitteln ausgestatteten Löschmannschaft zu einer modernen Hilfsorganisation gewandelt. Hierzu neben den aktiven Feuerwehrleuten und den Angehörigen des Feuerwehrvereins, der Ehren- und Altersabteilung auch die Arheilger Bürger und Geschäftsleute bei, die die Feuerwehr materiell unterstützen, Dank ihrer Spenden waren immer wieder Anschaffungen für den Einsatzbetrieb möglich: Kettensägen, Meldeempfänger, Schutzkleidung, Tauchpumpen und vieles andere mehr. Deshalb präsentiert sich die Arheilger Feuerwehr auch in Zukunft als schlagkräftige Organisation, die ihren Aufgaben gewachsen ist. Zugleich ist sie als Verein fest ins Arheilger Vereinsleben integriert.