140 Jahre Freiwillige Feuerwehr Arheilgen – 1881 bis 2021 – (Teil 2/2)

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Kategorie: News: Arheilgen

Hochwassermarkierungen in der Bachstraße erinnern bis heute an die „Jahrhundertflut“ vom Juli 1932. Starke Regenfälle hatten den Ruthsenbach gewaltig anschwellen lassen – schließlich brach der Damm des Steinbrücker Teichs. Die Folge war eine Flut, die den Ortskern von Arheilgen unter Wasser setzte. Das „Darmstädter Tagblatt“ berichtete am 15. Juli: „Um 11 Uhr vormittags wurde die Einwohnerschaft Arheilgens durch Rotsirenen alarmiert. Untere Mühlstraße, Geißengasse und Bachgasse zeigten einen Wasserstand bis zu 1,80 Meter. In aller Hast suchten, unterstützt durch die Feuerwehr, die Einwohner des bedrohten Ortsteiles ihre Lagerkeller durch Sandsäcke zu sichern.“

Die Feuerwehr, so weiß es das Protokollbuch, war am 14. Juli um 9 Uhr alarmiert worden, weil das Wasser die Gebäude der Leibchesmühle bedrohte. Zwei Straßendurchstiche konnten die größte Gefahr zunächst bannen. Weitere Einsätze wurden außerhalb des Ortes an den Dreibrücken und an der Schleifmühle in Kranichstein notwendig. Im Ort selbst war das Wasser inzwischen weiter gestiegen, weite Teile hatten sich in einen See verwandelt. Wohnhäuser, die einzustürzen drohten, mussten deshalb evakuiert und abgestützt werden, Vieh wurde in letzter Minute aus überschwemmten Ställen gerettet.

Nach kurzer Entspannung der Lage stieg das Wasser in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli weiter. In den folgenden Tagen wurde zur Ableitung der Wassermassen in der Viehtrift am Dreischlägerweg ein Staudamm errichtet. Dem unermüdlichen Einsatz der Feuerwehrleute und zahlreicher freiwilliger Helfer war es zu verdanken, dass Menschenleben nicht zu beklagen waren und nur gewaltiger Sachschaden entstand.

Die Machtergreifung der Nazis machte auch vor der Entwicklung der Feuerwehr nicht Halt. Aus dem Vorstand wurde der Führerrat, offizielle Schreiben wurden nun mit markigem „Wehr Heil Hitler“ unterzeichnet. Dabei blieb es nicht: 1938 wurden alle Feuerwehren in Feuerlöschpolizeien umgewandelt und unterstanden damit dem Reichsführer SS, Heinrich Himmler.

Am 1. September 1939 notiert Schriftführer Wilhelm Germann im Protokollbuch: Heute „wurde unsere Wehr durch Meldefahrer plötzlich alarmiert. Der Krieg mit Polen war zum Ausbruch gekommen und hierdurch der Feuerwehr-Luftschutz automatisch eingesetzt worden. Alle verfügbaren Kameraden waren am Gerätehaus angetreten. Die einzelnen Geräte wurden auf den Ort verteilt, mit einem Führer und sechs bis acht Mann besetzt. Die Wachen wurden eingeteilt und bezogen. Am 2.09. wurden die Wachen wieder aufgehoben und jeder konnte wieder seiner gewohnten Beschäftigung nachgehen.“

In den folgenden Wochen traten andere Sicherheitsmaßnahmen in Kraft: Die Sirenen durften zur Alarmierung bei Bränden nicht mehr eingesetzt werden, stattdessen griff man auf die fünf noch vorhandenen Schalmeien und Signalhörner zurück. Viele Mitglieder der Feuerwehr wurden zum Militärdienst eingezogen. Die Unterrichtsabende im „Wehrlokal“ bereiteten die Zurückgebliebenen auf das vor, was kommen sollte. Themen dieser Jahre lauten „Die Feuerwehr im Luftschutz“, „Die Wirkung von Brandbomben und deren Bekämpfung“ oder „Einsatz in fremden Städten“. Um die Einsatzfähigkeit zu sichern, wurde 1941 eine HJ-Feuerwehr und 1942 ein Notdienst eingerichtet. Die Löschgeräte wurden über den Ort verteilt: In der Kirchschule, in der Bachgasse und in der Carl-Ulrich-Schule. Dort wurde ein Klassenraum ausgeräumt und diente fortan als „Wachlokal für die (…) ständige Nachtwache des Sicherheits- und Hilfsdienstes der Feuerwehr“.

Seit Mai 1943 war ein geregelter Übungsbetrieb nicht mehr möglich. Wilhelm Germann notierte: „In der folgenden Zeit konnten fast keine ordentlichen Übungen mehr stattfinden, da unsere Wehr ständig zu Einsätzen an auswärtigen Schadensstellen eingesetzt wurde. Fliegeralarm, manchmal öfter in einem Tag, ließ es der Wehrleitung geboten erscheinen, unnötige Übungen zwecks Schonung der Mannschaft zu vermeiden, weil ja die Wehr bei jedem Alarm ob Tag oder Nachtalarm an ihrem Standquartier antreten musste“. Rund 700 Einsätze im gesamten Rhein-Main-Gebiet soll die Arheilger Feuerwehr in diesen Jahren bewältigt haben – die Unterlagen darüber sind verloren.

Um die immer größer werdenden Lücken in den Reihen der Aktiven zu füllen, wurde 1945 noch mit der Ausbildung einer Frauenfeuerwehr begonnen, die jedoch nicht mehr zum Einsatz kam. Von ihr hat sich aber ein besonderes und sehr persönliches Dokument erhalten, das heute im Deutschen Feuerwehrmuseum in Fulda aufbewahrt wird. Auf Transparentpapier zeichneten die jungen Mädchen mit Buntstift ihre Erlebnisse bei der Ausbildung und fügten ein Mundartgedicht bei. Am Ende heißt es „Weil nun die Monnsleit hom kumme in Masse, / drum hon se uns Mädcha fristlos entlasse. / Do hot de Owwermaschores (gemeint ist Kommandant Georg Knöbel) zur Entlassung noch e Redd geschwunge, / do sin uns bol die Trene kumme. / Schließlich hon ma uns donn doch getrennt / und sin noch emol mit em LF e rumgerennt. / Es hot nemlich noch emol e Ehrenrund gewwe, / ach mer wern jo gor so gern bei de Feierwehr geblewwe. / Nun wolle ma unser Gedonke of die Zukunft lenke. / Und ma wern noch recht oft an die / Feierwehr denke.“

Mit dem Einmarsch der amerikanischen Armee am 25. März 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Darmstadt. Ein halbes Jahr später, am 23. September 1945 fand mit Genehmigung der Militärregierung die erste Übung der Arheilger Feuerwehr nach dem Krieg statt. Manche der zum Kriegsdienst eingezogen Wehrleute kehrten heim, viele auch nicht. Der langjährige Kommandant Georg Knöbel und weitere Mitglieder mussten zeitweise die Feuerwehr verlassen – aus Sicht der Militärregierung war ihre Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten in den vergangenen Jahren zu eng gewesen. Erst 1948 durften sie zurückkehren. Die folgenden Jahre waren von langsamem Wiederaufbau gekennzeichnet; 1951 wurde ein Anbau am Gerätehaus in der Bachstraße eingeweiht. Im gleichen Jahr beging die Feuerwehr ihr 70-jähriges Bestehen mit einem großen Volksfest. Der prächtige Festumzug war sechs Jahre nach Kriegsende auch ein Zeichen des Aufbruchs und der allmählichen Rückkehr zur Normalität.

Ganz friedlich verliefen jene Jahre allerdings nicht immer, wie das Protokollbuch berichtet. So hat zum Beispiel ein Wutausbruch des damaligen Arheilger Feuerwehrkommandanten Georg Knöbel aus dem Jahr 1961 seine Spuren in den Unterlagen hinterlassen. Im Streit um eine missglückte Fahrzeugübergabe hatte diesen den damaligen Amtsleiter der Berufsfeuerwehr als „Flasche“ tituliert. Die Wellen schlugen so hoch, dass Oberbürgermeister und Feuerwehrdezernent als Schlichter hinzugezogen werden sollten.

In den folgenden Jahren wurde der Fahrzeugbestand Stück für Stück erneuert und erweitert. Dazu trug die Einbindung der Feuerwehr in den Erweiterten Katastrophenschutz bei – der Kalte Krieg warf seine Schatten auch auf die Arheilger Feuerwehr. Als Folge war das alte Gerätehaus an der Bachstraße nicht mehr ausreichend – als behelfsmäßige Unterstellmöglichkeit diente deshalb eine Scheune in der Darmstädter Straße. Allmählich reiften die Pläne zum Bau eines neuen Gerätehauses und 1973 wurde die neue Unterkunft mit neun Fahrzeughallen in der Frankfurter Landstraße eingeweiht. Zwei Wohnungen wurden an Gerätewarte vermietet, die sich um Fahrzeug und Gebäude kümmerten. Erstmals verfügte die Feuerwehr über einen beheizten Unterrichts- und Aufenthaltsraum. Damit gehörten die Unterrichtsabende im „Wehrlokal“, zu jener Zeit die Gaststätte Heinrich Hahn („Hahne- Wertche“) in der Darmstädter Straße, der Vergangenheit an.

Bis weit in die siebziger Jahre stellten Brände und Unwetterschäden das Hauptaufgabengebiet der Feuerwehrleute dar. Doch allmählich traten neue Aufgabengebiete hinzu, etwa der Bereich Gefahrgut und Strahlenschutz, für den die Feuerwehrangehörigen heute ganz selbstverständlich ausgebildet werden. Die immer weiter fortschreitende Technisierung machte zudem eine Spezialisierung in vielen Fachgebieten und eine immer umfangreichere Ausstattung notwendig.

Mit der Gründung der Jugendfeuerwehr brach 1991 ein ganz neues Kapitel Feuerwehrgeschichte an. Die Jungen und Mädchen zwischen zehn und 17 Jahren sorgten für reichlich Trubel im Gerätehaus und waren aus dem Alltag doch bald nicht mehr wegzudenken. Auf dem wöchentlichen Dienstplan standen neben allgemeiner Jugendarbeit auch der Umgang mit Strahlrohren, Schläuchen und anderem Feuerwehr- Gerät. Höhepunkte im Ausbildungsjahr waren die sommerlichen Zeltlager und die Abnahme der Leistungsspange, die bis heute die höchste Auszeichnung der Deutschen Jugendfeuerwehr ist und die die Jugendlichen stolz an ihrer Jugendfeuerwehr-Kleidung tragen. Daran hat sich auch 30 Jahre später wenig geändert – viele Jungen und Mädchen haben im Lauf der Zeit Jugendfeuerwehr-Kombi mit Schutzkleidung vertauscht und sind aktive Mitglieder der Einsatzabteilung. Im Jahr 2000 entstand zusätzlich die „Wichtelfeuerwehr“, die die älteste und bis heute stärkste Kinderfeuerwehr in Darmstadt ist. Sie richtet sich an Jungen und Mädchen zwischen sechs und zehn Jahren. Spiel und allgemeine Jugendarbeit stehen hier noch weiter im Vordergrund, doch in ihren hübschen roten Overalls eifern die „Wichtel“ auch spielerisch dem Übungsbetrieb der Älteren nach. Auch etliche ehemalige „Wichtel“ leisten längst aktiven Einsatzdienst.

Im August 2002 ließ tagelanger Dauerregen den Oberlauf der Elbe und ihre Nebenflüsse dramatisch anschwellen. Die braune Flut ergoss sich von Tschechien nach Nordwesten, erreichte Dresden und strömte weiter durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg Richtung Hamburg. In der sächsischen Landeshauptstadt wurden unter anderem Hauptbahnhof, Semperoper, Gemäldegalerie im Zwinger und Landtag überflutet. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg rückte die Arheilger Feuerwehr deshalb zu einem großen überörtlichen Einsatz aus. Gemeinsam mit anderen Hilfskräften aus Darmstadt war sie in zwei Wellen über Tage in und um Dresden eingesetzt. Dämme wurden verstärkt, wichtige technische Einrichtungen gegen die Wassermassen gesichert. Im Frühsommer 2013 rückten Arheilger Einsatzkräfte ein weiteres Mal zum Hochwassereinsatz nach Sachsen aus, der sich zum Glück aber als weniger dramatisch erwies als elf Jahre zuvor. Zu den großen Einsätzen des letzten Jahrzehnts gehört die Flüchtlingslage im Herbst 2015, als sich auch Darmstadt nahezu unversehens mit dem Zuzug vieler Menschen konfrontiert sah, die vor Krieg, Verfolgung und Armut aus ihren Heimatländern geflohen waren. Gemeinsam mit den anderen Feuerwehren und weiteren Hilfsorganisationen bauten die Arheilger Feuerwehrleute nahezu über Nacht eine erste Behelfsunterkunft an der Michaelisstraße in Darmstadt auf und richtete später drei weitere Hallen als Notunterkünfte in Darmstadt her. Zahlreiche freiwillige Helfer unterstützen Feuerwehr und Hilfsorganisationen in den Wochen danach, die Notunterkünfte zu betreiben und den Bewohnern die ersten Schritte in ihr neues Leben zu erleichtern.

2006 begann die Diskussion um einen weiteren Feuerwehr-Neubau. Eine Zukunftswerkstatt der Feuerwehr Darmstadt mit Fachleuten und Vertretern der Politik hatte ergeben, dass das erst 30 Jahre zuvor eingeweihte Gerätehaus in der Frankfurter Landstraße modernen Anforderungen an eine Feuerwehrunterkunft nicht mehr genügte. Dass die Feuerwehrmänner und –frauen sich bei Einsätzen und Übungen in bunter Reihe hinter den Fahrzeugen in der offenen Halle umziehen mussten, war für die Aktiven normaler Alltag. Aber auch eine zeitgemäße Schwarz-Weiß-Trennung für die Einsatzkleidung und eine Absauganlage für die Fahrzeugabgase fehlten. Geeignete Jugendräume waren nicht vorhandenen und die Fahrzeughalle war für die immer größer werdenden Fahrzeuge zu klein. Ein Umbau am vorhandenen Standort wäre nicht möglich gewesen. Deshalb fiel nach langer Suche die Entscheidung für einen Neubau am nördlichen Ortsausgang. Im Jahr 2019 wurde das neue Gerätehaus am extra dafür umbenannten Floriansweg 2 eingeweiht, das zugleich als Ausbildungsstandort für die gesamte Feuerwehr Darmstadt dient und so konzipiert ist, dass es auch in den nächsten Jahrzehnten zukunftsfähig bleibt.

Die Corona-Pandemie hat auch die Freiwillige Feuerwehr Arheilgen auf ungeahnte Weise betroffen und unter anderem verhindert, dass 140jähriges Bestehen und 30jähriges Bestehen der Jugendfeuerwehr im Jahr 2021 begangen werden konnten. Angesichts hoher Inzidenzen mussten Ausbildungs- und Übungsbetrieb zeitweise erheblich eingeschränkt werden. Zugleich musste die Einsatzbereitschaft gesichert werden. Im Jahr 2020 stellte die Arheilger Feuerwehrwehr über Wochen spezielle Tagesbereitschaften und rückte zur Unterstützung der Berufsfeuerwehr oft mehrfach täglich aus. Mehr als 200 Einsätze standen zum Jahresende in der Statistik. Auch 2021 waren die ehrenamtlichen Einsatzkräfte mit über 80 Einsätzen erneut stark gefordert: Zu den größten Einsätzen zählten der Brand der Tankanlage Gräfenhausen-Ost und der mehrtägige Einsatz in Stolberg bei Aachen, wo die Helfer aus Arheilgen mit weiteren hessischen Kräften nach der Flutkatastrophe im Juli tätig waren.

Ende 2021 gehörten der Freiwilligen Feuerwehr Darmstadt-Arheilgen 55 aktive Feuerwehrmänner und –frauen an. Die Ehren- und Altersabteilung umfasst 26 Angehörige, zur Jugendfeuerwehr gehören 27 Jungen und Mädchen, die Wichtelfeuerwehr hat aktuell 18 Kinder. Der Feuerwehrverein, der die Aktivitäten der anderen Abteilungen auf vielfältige Weise unterstützt und eben 1881 gegründet wurde, hat 204 Mitglieder.